11. Mai

11. Mai

Heute vor genau 3 Jahren habe ich die letzte Dosis Vincristin und Bleomycin erhalten. Intravenös durch meinen Port. Tag 8, Chemo 6. Meine Woche zeichnete sich damals nicht durch Aktivitäten in Form eines Wochenplans aus, sie wurde bestimmt von einem Medikamenten- Plan. Es gab keine Termine oder Verabredungen, keine Eintragungen in meinem Kalender, nur Angaben für die Menge von Flüssigkeiten oder Tabletten.

medis1
medis22012 war mit Sicherheit und vor allem mit Abstand das prägendste Jahr in meinem Leben. Alles hat sich verändert. Abgesehen davon, dass ich heute gesegnet bin, mit einem neuen, wundervollen Freund, einem neuen, ebenso wundervollen Hund, neuen, langen und gesunden Haaren und einer neuen Bleibe, die ich auch über alles liebe, bin ich selbst auch irgendwie neu. Jeden Tag habe ich ein bisschen mehr das Gefühl, mich von dem zu distanzieren, was vor 2012 war. Die Dinge, die mir damals wichtig waren, erscheinen mir heute zum Teil lächerlich banal. Ob ich mich jemals von dem Jahr 2012 erhole, weiß ich nicht. Dafür war es glaube ich zu heftig. Emotional damit abzuschließen scheint im Moment immer noch nicht drin zu sein. Vielleicht muss man das aber auch gar nicht. Selbst wenn die Zeit so schrecklich und schwer war, vermisse ich sie manchmal. Ich habe mich selten in meinem Leben so sicher und geborgen gefühlt. Die Menschen in meinem Umfeld haben damals alles für mich ausgemacht und zu einem Großteil auch den Erfolg der Therapien bestimmt. Jedem einzelnen bin ich heute noch dankbar dafür. Und wenn ich könnte, würde ich heute noch einmal einen Tag aus dieser Zeit ein zweites Mal erleben. Ich würde mich gerne noch einmal über die Gerüche und die Langeweile im Krankenhaus aufregen, um 6 Uhr morgens, weil ich schon längst nicht mehr schlafen kann, 2 Stunden auf der Fensterbank in meinem Zimmer sitzen, und die Autos zählen. Einmal die die auf den Parkplatz drauf fahren, und die, die wieder vom Parkplatz runterfahren. Ich würde gerne noch einmal die Treppen runterrennen, mit viel zu wackeligen Beinen und 10 Kilo weniger auf den Rippen um mich dann draußen an der frischen Luft schwindelig zu atmen. Heimlich natürlich, weil das Zimmer nicht verlassen werden darf. Einmal würde ich gerne noch eins der intensiven Gespräche über das Leben mit dem Krankenpfleger, der den letzten Rundgang des Tages macht, führen, um ihn dann rauszuschmeißen, weil mein Telefon um Punkt 23.00 Uhr klingeln würde, weil Conni anruft. Einige Dinge werden einfach für immer in 2012 bleiben, weil alles endlich ist. Heute schein die Sonne. Und sie scheint auch für mich, weil ich raus darf, und mein Haus verlassen darf. Ohne ärztliche Absprache, ohne Port und ohne Perücke. Ich darf essen was ich möchte und meine Hunde auf den Arm nehmen. Ich darf so viel rennen, wie ich möchte und jeden Menschen, den ich mag, in den Arm nehmen, weil ich mich nicht mehr mit allem möglichen anstecke, weil ich ein starkes Immunsystem habe. Und das alles werde ich heute auch machen.

7 thoughts on “11. Mai

  1. Schön, dass du das alles machen darfst und kannst – wie auch z. B. Löffel vergessen, über meine Qualitäten als Fotografin meckern usw.
    Liebe Grüsse,
    Steffi

  2. Und immer wieder bin ich fassungslos wenn ich solche Zeilen von Dir lese.

    Es ist einfach unfassbar wieviel mancher Mensch ertragen muß. Und kann.

    Du hast zweifelsohne das Beste draus gemacht!

  3. Wir kennen uns ja leider (noch) nicht persönlich, aber ich habe damals deinen Krankheitsverlauf online verfolgt. Ich war und bin so happy, dass du es geschafft hast und ich wünsche dir alles Liebe weiterhin und genieße dein Leben. Du weißt ja, Carpie Diem. 😉

  4. Wie gut ich dich verstehen kann. Bei mir ist es nicht so lange her und meine Haare brauchen noch Zeit, aber diese Gifte in sich hereinpumpen zu lassen ist der helle Wahnsinn. Man steht es nur nur durch einen absoluten Überlebenswillen durch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.